Regie
Was ist Regie?

„Man versucht eine Menge Leute und extrem schwere Apparate einzusetzen und ihnen die Leichtigkeit einer Schreibfeder zu verleihen.“
So Regisseur David Lean. Oder ist Regie vielleicht: „Schöne Frauen schöne Dinge tun lassen“, wie François Truffaut meinte?

"WARUM ICH REGISSEUR WURDE – EINFLÜSSE, LIEBLINGSFILME, POTEMKIN
Jedes anständige Kind macht dreierlei: es macht Sachen kaputt, es öffnet die Bäuche von Puppen oder auch von Uhren, um herauszukriegen, was da drin ist, und es quält Tiere... So verhalten sich anständige Kinder. Gute Kinder.
Ich war ein schlimmes Kind. Ich habe in meiner Kindheit weder das erste, noch das zweite noch das dritte gemacht. Und das ist natürlich sehr schlimm. Denn wahrscheinlich musste ich eben gerade deshalb Filmregisseur werden. Die Grausamkeit und Härte, die nicht auf Fliegen, Libellen und Frösche verwandt wurde, hat die Wahl von Thematik und Methode und das Credo meiner Arbeit als Regisseur deutlich geprägt.
Es ist tatsächlich so: in meinen Filmen wird eine Unmenge von Leuten erschossen; splittern die Schädel von Landarbeitern, die man bis zum Hals in die Erde eingegraben hat, unter den Hufen von Pferden (Mexiko); werden Kinder auf der Treppe von Odessa zu Tode getreten, vom Dach geworfen (Streik), lässt man die eigenen Eltern sie umbringen (Bezhin-Wiese), wirft sie in lodernde Feuer (Aleksandr Nevskij); Stiere verbluten auf der Leinwand – und es ist ihr wirkliches Blut, das fließt (Streik), oder Schauspieler verbluten – da nur zum Schein (Potemkin); in einem Film werden Stiere vergiftet (Die Generallinie), in einem anderen Zarinnen (Ivan Groznyj); ein erschossenes Pferd hängt an einer geöffneten Zugbrücke (Oktober), und Pfeile bohren sich in Menschen, die vor dem belagerten Kazan längs der Befestigungsanlagen stehen. Und es scheint mir keineswegs zufällig, dass es gerade Zar Ivan Grosnyj ist, der über eine ganze Reihe von Jahren mein Denken beherrscht hat und mein Lieblingsheld ist."

Sergej Eisenstein, Yo. Ich selbst. Memoiren, Berlin 1987, S.56f.

"Man verlangt vom Publikum, fast zwei Stunden ununterbrochen auf ein und dieselbe Fläche zu starren. Da muss man darauf schon etwas unterbringen, was das Interesse der Leute wach hält."
Alfred Hitchcock

„Als Künstler ist man über große Zeiträume, wenn nicht sogar sein Leben lang damit beschäftigt, immer wieder das gleiche zu formulieren, und (sucht) jedes Mal nur nach präzisieren Ausdrücken und neuen Beschreibungen. ... Letztendlich bewegt man sich mit seiner Arbeit immer im selben Kosmos.“

Tom Tykwer im Gespräch mit Peter Kremski und Reinhard Wulff,
in: Filmbulletin 229, Dezember 2000

Seit den Anfängen des Mediums Film ist Regie eine der wichtigsten Funktionen bei der Herstellung eines Films. Letztendlich verantwortet der Regisseur das, was auf der Leinwand zu sehen ist. Er ist verantwortlich für die künstlerische Gestaltung des Films. Gemeinsam mit dem Kameramann löst er die Szenen des Drehbuchs in einzelne Einstellungen auf, inszeniert den Film, ist für die Besetzung der Rollen durch die Schauspieler sowie die dramaturgische Gestaltung von Handlung, Bild und Ton zuständig.

Filmregie meint also die Festlegung der Erzählhaltung, der Perspektive, des filmischen Blicks. Der Regisseur bestimmt, wie die Kamera alles, was sich vor ihr befindet, in eine konkrete, unverwechselbare Ordnung bringt. Er bestimmt, wie der Regisseur Robert Bresson es ausgedrückt hat, „Helle und Dunkelheit, Farbe und Substanz, Form und Stellung, Entfernung und Nähe, Bewegung und Unbeweglichkeit.“

Der Regisseur bündelt die verschiedenen Kräfte der Produktion: Er inszeniert die Darsteller nach dem Drehbuch (Schauspielerführung), koordiniert die Kameraleute und Lichttechniker, bindet die Fachleute für Ausstattung und Architektur, für Kostüm, Make-up und Requisiten ein. Schließlich arbeitet der Regisseur zusammen mit dem Cutter an der Montage.

Die Art, wie sich diese Zusammenarbeit gestaltet, kann von Regisseur zu Regisseur sehr unterschiedlich ausfallen. Die mehr als hundert Jahre Filmgeschichte sind voll von Erzählungen über Exzentriker, Zyniker und Sadisten, die im Regiestuhl sitzen. In der Regel sind Regisseur jedoch hart arbeitende Profis.

Nicht nur kreative Energie und Leidenschaft, sondern auch Beharrlichkeit, Biss und Energie gehören zu den Grundvoraussetzungen für den Job. Ganz gleich, ob es darum geht, ein Projekt in den Gang zu bringen, Gelder zu besorgen oder ein Projekt durchzuziehen.

Auch wenn sich viele Regisseure ihrem künstlerischen und technischen Mitarbeiterstab gleichgestellt fühlen, tragen sie eine enorme Verantwortungs- und Arbeitslast. Weisungsbefugnis und künstlerische Verantwortung liegt beim Regisseur.

Dazu Sidney Lumet: „Wie viel Macht habe ich? Drehe ich tatsächlich einen ‚Film von Sidney Lumet’? Ich bin doch abhängig vom Wetter, vom Budget, davon was die Hauptdarstellerin zu Frühstück gegessen hat und in wen der Star verliebt ist. Ich muss mich auf über 100 Mitarbeiter einstellen, und jeder bringt Talent, Eigenheiten, Launen, Ego, politische Einstellung und Persönlichkeit mit. Und das allein während der Dreharbeiten – vom Studio, der Finanzierung, dem Verleih, Marketing rede ich gar nicht.“

Auch wenn die Positionen, ästhetische Vorstellungen und Arbeitsweisen von Regisseuren sehr verschieden sind, so gibt es doch einige grundsätzliche Gemeinsamkeiten:

Die Regie ist die Instanz, die entscheidet

  • wie das Verhältnis von Erzählen und Zeigen, von Schildern und Präsentieren, ist,
  • wie eine Figur durch Handlung und Gesten charakterisiert wird,
  • wie das Geschehen durch Schnitte oder durch Blenden rhythmisiert wird,
  • wie und in welchem Ausmaß der filmische Blick die erzählerische Perspektive bestimmt.

Regiearbeit kann man in vier Phasen aufteilen:

  • Casting, Besetzung der Rollen
  • Inszenierung und die damit einhergehenden Proben
  • die „Auflösung“, also die Entwicklung einer Strategie für die Kamera, in der Standort, Licht und Einstellungsgröße festgelegt sind, und die Montage, in der die Szenen geschnitten und rhythmisiert werden
  • Nachbearbeitung, das heißt für die Regie: Lichtbestimmung, Nachvertonung sowie Musik- und Tonmischung.

Regisseure bewerten die einzelnen Phasen ihrer Arbeit unterschiedlich, setzen ihre eigenen Schwerpunkte. So hielt zum Beispiel Hitchcock seine Arbeit mit der Auswahl der Schauspieler, mit der Besetzung der Rollen für getan. Er lehnte die Arbeit mit den Schauspielern ab und konzentrierte sich lieber auf Kamera und Montage und auf die Gestaltung der Bilder. Konrad Wolf und Andreas Dresen sahen und sehen die Auswahl der Hauptbesetzung als eine der wesentlichsten Aufgaben des Regisseurs an.

Andere Regisseure legen den Schwerpunkt ihrer Arbeit auf die szenische Auflösung. So galt zum Beispiel Otto Premingers Hauptinteresse der Beziehung zwischen Figur und Raum. Jean Renoir, Visconti und Herzog interessierten sich sehr für visuelle Effekte. Andere wiederum richteten ihr Hauptaugenmerk auf die Möglichkeiten der Montage.
 
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