Animation
Ein Ausflug in die Geschichte der Animation – Teil 1:
Frühe Versuche

Animierte Bilder können im Grunde genommen einfach als Trickaufnahmen bezeichnet werden. Und die sind so alt wie das Kino.

dissolve.gif Leonardo da Vinci schuf mit seiner Beschreibung der Camera Oscura eine wichtige Voraussetzung für Fotografie und Film. Einen weiteren Meilenstein setzte im 17. Jahrhundert die Laterna Magica. Sie erlaubte es zum ersten Mal, Erscheinungen zu projizieren. Ein Hohlspiegel hinter der Lichtquelle verstärkte damals die Helligkeit des austretenden Lichtstrahls. Zwischen Kasten und Linsensystem wurden Bilder eingeschoben und mit dem ausfallenden Licht projiziert.

Anfang des 19. Jahrhunderts erfindet der englische Arzt John A. Paris das Traumatrop: eine Scheibe mit zwei komplementären Bildern auf jeder Seite (z. B. ein Vogel und ein Käfig), die den Eindruck von Bewegung erzeugt, wenn sie schnell gedreht wird.

Eine Bauanleitung für ein Traumatrop:
www.manhattan.lib.ks.us

Joseph Ferdinand Plateau lieferte 1829 mit Untersuchungen über den Nachbild- oder Netzhauteffekt eine erste theoretische Untermauerung dieses Phänomens. 1836 legte er die Gesetze des Stroboskopischen Effektes fest: Das Auge verbindet die ihm in einer Sekunde vorgeführten Bewegungsphasen zu einer Einheit – der Illusion von Bewegung. Damit dieser Effekt erzielt wird, sind 24 Bilder pro Sekunde notwendig. Angeregt durch diese Erkenntnisse waren im 19. Jahrhundert verschiedene Vorrichtungen sehr beliebt, die diese beiden Effekte hervorriefen und vor allem über den Spielzeughandel vertrieben wurden. Hierzu zählen das Lebensrad (Stroboskop), die Wundertrommel (Zoetrop), das Praxinoskop, sowie das Abblätterbuch ("Daumenkino") und dessen Weiterentwicklung, das Mutoskop.


mutoskop.jpg Ein wesentlicher Fortschritt war Reynauds Kombination des Praxinoskop mit einem Projektionsgerät. Damit schuf er eine Verbindung zwischen festem Hintergrundbild und beweglichem Filmband. Für sein Théâtre Optique – Optisches Theater verwendete Renaud später bis zu 50 Meter lange, perforierte Gelatinefolien. Diese Filmstreifen bestanden aus bis zu 700 kolorierten Bildern von kurzen Handlungen, und wurden über ein Rollensystem geführt. Acht Jahre lief das Théâtre Optique erfolgreich im Pariser Musée Grevin und lockte über eine halbe Million Zuschauer an.

Nach den ersten Filmvorführungen der Gebrüder Lumière und Skladanowsky erlahmte das Interesse an den gezeichneten Bewegungen rasch. Reynaud stand vor der Pleite. Aus Enttäuschung versenkte er fast alle seine Bänder in die Seine. Dem fielen leider auch die meisten der 450 bis 500 Filme von Georges Méliès zum Opfer, die heute verschollen gelten. In seiner Filmwerkstatt erfand der Franzose eher zufällig den wichtigen Stopptrick, der dem Film neue Effekte und Möglichkeiten eröffnete – bis heute. Seine Firma Star Film feierte zwischen 1900 und 1906 ihre größten Erfolge, ehe sie 1914 endgültig Pleite ging.

Bereits 1899 animierte der Brite Arthur Melbourne-Cooper Streichhölzer zu sich bewegenden Figuren durch Anhalten und Weiterkurbeln der Filmkamera. MATCHES: ON APPEAL gilt als erster Animationsfilm.


hotel_eletrico.jpg 1905 sorgte die heute noch übliche Einzelbildtechnik für Aufsehen. Reale Objekte konnten durch Fotografieren in leicht veränderter Position scheinbar in eine fließende Bewegung gebracht werden. Der Spanier Segundo de Chomón gestaltete mit Hilfe des neuen Verfahrens 1905 den Film EL HOTEL ELÉCTRICO, in dem Möbel durch ein Hotelzimmer wandern. 1906 folgte in den USA THE HAUNTED HOTEL.

Der Franzose Émile Cohl, der 1908 den Zeichentrickfilm FANTASMAGORIE herausbrachte, gilt als Erfinder der gezeichneten Charakteranimation, Émile Renauds Optisches Theater und das Prinzip der Phase um Phase gezeichneten Bewegung waren da bereits in Vergessenheit geraten. Cohl stellt bis 1923 über 300 Filme her. Er experimentiert im Zeichentrick mit Stylisierung, Surrealismus, seine Figuren erschaffen und zerstören sich selbst und durchleben verschiedenste Verwandlungen. Er experimentiert außerdem mit animierten Puppen und Gegenständen, z. B. Streichhölzern und Scherenschnitt.

1910 streute der deutsche Kameramann Guido Seeber Streichhölzer auf eine Unterlage, eine senkrecht darüber befestigte Kamera zeichnete die immer neu gelegten Positionen der Hölzer auf. DIE GEHEIMNISVOLLE STREICHHOLZSCHACHTEL war der erste Film, in dem mit Legetrick-Verfahren, aus dem sich Flachfiguren- und Silhouettenfilm entwickelten, gearbeitet wurde.


reiniger_hochformat.jpgLotte Reiniger bei der Arbeit

Der Silhouettenfilm knüpfte an die Tradition des Schattentheaters an. Fein säuberlich ausgeschnittene Teile einer Figur wie Kopf, Arme und Beine, bewegen sich auf einem Hintergrund aus transparentem Papier. Lotte Reiniger, herausragende Vertreterin dieser Gattung, schuf mit DIE ABENTEUER DES PRINZEN ACHMED von 1923 bis 1926 den vermutlich ersten abendfüllenden deutschen Animationsfilm.

Auch Oskar Fischinger arbeitete zunächst mit Silhouetten, bevor er sich ganz dem abstrakten Zeichentrickfilm widmete. In den 20er Jahren erlebte die Animation eine Blütezeit. Künstler wie Walter Ruttmann, Viking Eggeling oder Hans Richter experimentierten mit Formen und Farben. Wegen der Nachfrage der Werbeindustrie kam es auf diesem Gebiet zu einer regen Produktion, an der sich auch Kurt Wolf und Hans Fischerkoesen beteiligten. Mit DER STÖRENFRIED lieferte Fischerkoesen 1943 seinen Beitrag zur deutschen Propaganda: Ein roter Fuchs wird von einem Insektengeschwader vertrieben…

1914 lässt sich Earl Hurd das Zellverfahren (Cel Process) patentieren. Bei diesem Verfahren können verschiedene Zelluloid-Bilder über einen einzelnen statischen Hintergrund übereinander gelegt werden, der so nicht immer wieder neu gezeichnet werden muss. Ein Jahr später lässt sich Max Fleischer das Rotoskopie-Verfahren patentieren. Hierdurch können Realfilm-Szenen in gezeichnete Animationen umgewandelt werden.
 
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