Camera Acting
Lee Strasberg und Sanford Meisner – Es gibt nie nichts auf der Bühne

Lee Strasberg und Sanford Meisner stehen für zwei Methoden im Schauspielunterricht, für zwei Anschauungen des Lernens und des Schauspielens. Sie begannen ihre Karriere im New Yorker Group Theatre, dem führenden New Yorker Theater der dreißiger Jahre. Ihr Hintergrund ist ähnlich: Beide entstammen aus Osteuropa eingewanderten jüdischen Arbeiterfamilien. Während Lee Strasberg, zusammen mit Harold Clurman und Cheryl Crawford, leitender Gründer des Ensembles des New Yorker Group Theatres war, begann Sanford Meisners Karriere als Schauspieler.

Als persönlichen Auslöser zur Gründung des Ensembles beschreibt Strasberg später oft eine Vorstellung der Russian Players unter der Leitung von Richard Boleslawski und Maria Uspenskaja, die er mit 22 Jahren besucht hatte. Erstmals wirkten die Künstler nicht wie agierende Schauspieler, sondern wie emotional betroffene Personen. In dem von ihm 1931 mitbegründeten Group Theatre begann Strasberg, seine Idee vom Theaterspiel zu verwirklichen.

Zielsetzung des Group Theatre war, zeitgenössische und sozial bedeutungsvolle Schauspiele am Broadway zur Aufführung zu bringen und Amerikas erste permanente Schauspielgesellschaft zu gründen, wie es Konstantin Stanislawski und Tschechow im Moskauer Kunsttheater getan hatten.

Das Ensemble richtete seine Schauspieler-Schulung nach der Stanislawski-Methode aus, die eine wahrheitsgetreuere und reellere Form der Darstellung anstrebte. Stanislawskis Methode führte den Schauspieler näher an sein eigenes Bewusstsein und befähigte ihn so, seine eigenen, reinen Gefühle auf der Bühne einzusetzen. Auch wurde während der Proben ein umfassendes Verständnis der im jeweiligen Stück enthaltenen spezifischen sozialen Umstände und menschlichen Probleme erarbeitet.

Stanislawskis Methode der wahren Gefühle war im überdramatisierten Theater der 1920er eine Offenbarung. Als er mit seinem Ensemble in New York auftrat, wurden die führenden Macher des Broadways zu glühenden Verehrern seiner Technik.

Das Group Theatre entwickelte Stanislawskis Methoden weiter. Hierbei spielte das Konzept des emotionalen Gedächtnisses eine zentrale Rolle. Dadurch, dass sich die Schauspieler an persönlich erlebte Situationen erinnern, täuscht der Schauspieler die dargestellten Emotionen nicht vor, sondern erlebt sie und identifiziert sich mit ihnen. Die Darbietung wirkt dementsprechend echter, aufwühlender und glaubhafter.

Viele Mitglieder des New Yorker Group Theatre – wie Harold Clurman, Stella Adler, Bobby Lewis und Sanford Meisner – begannen ihre persönlichen und unterschiedlichen Versionen des von Stanislawskis Methoden inspirierten Unterrichts zu entwickeln. Auch Stanislawski selbst arbeitete weiter an seiner Technik. Er versuchte, eine wissenschaftlichere Ausbildungsmethode zu erarbeiten, um die für die Inspiration notwendigen Rahmenbedingungen rein durch den Willen des Schauspielers zu schaffen.


Lee Strasberg -
Schauspiel ist die Fähigkeit absolute Realität auf der Bühne zu erzeugen


1947 wurde das Actors Studio von Elia Kazan, Cheryl Crawford und Bobby Lewis gegründet. Ziel war es, einen Arbeitsraum für Schauspieler zu schaffen, in dem sie – außerhalb von Produktions- und Präsentationszwang – ihre Fähigkeiten professionalisieren und vertiefen konnten.

Lee Strasberg ging Anfang der vierziger Jahre von New York nach Hollywood, um das Filmemachen zu erlernen. Doch er konnte sich als Regisseur nicht durchsetzen und ließ sich 1948 von Elia Kazan überreden, die künstlerische Leitung im New Yorker Actors Studio zu übernehmen. Dies sollte zu Strasbergs Lebensaufgabe werden.

Unter seiner Leitung wurde eine ganze Generation von Schauspielern nach seiner Method ausgebildet. Zu seinen Schülern gehörten Marlon Brando, Anne Bancroft, Montgomery Clift, Paul Newman, James Dean und Marilyn Monroe, Al Pacino, Dustin Hoffman und viele andere.

Strasberg gab nicht nur Schauspielunterricht, sondern spielte auch in Filmen mit. Seine Darbietung in Francis Ford Coppola DER PATE II wurde mit einer Oscar-Nominierung als bester Nebendarsteller bedacht.

Strasberg legte in seiner Arbeit sehr viel Gewicht auf die Gefühlsauslösende Erinnerung als Instrument. Damit meinte er den bewussten Versuch des Schauspielers, sich an ein Erlebnis aus seiner persönlichen Vergangenheit zu erinnern und so Gefühle in sich zu wecken, die er für die Darstellung im Film oder auf der Bühne einsetzen kann. Die Arbeit mit dem emotionalen Gedächtnis (Sense Memory = sinnliche Erinnerung) führt dazu, dass der Schauspieler lernt, durch den Zugriff auf die eigene Erinnerung an persönlich erlebte Situationen, echte Gefühle auf der Bühne entstehen zu lassen.

Erstmals kann damit ein Künstler sozusagen willentlich bestimmen, was er real fühlt. Durch verschiedene Übungen und ein Training mit dem die Imaginationsfähigkeit verbessert wird, ist dies möglich. Der Schauspieler täuscht die Situation und die Rolle nicht vor, sondern durchlebt sie innerlich wirklich. Er fragt sich: "Was hat bei mir ähnliche Gefühle ausgelöst wie bei der Rolle, die es zu spielen gilt?". Er erinnert und konkretisiert dieses eigene Erlebnis und legt es, wann immer er es benötigt, in die Rolle. Schließlich hat der ausgebildete Schauspieler eine komplette Klaviatur seiner Gefühle zur Verfügung und ist dadurch während des Spiels der Dirigent der Gefühle.


Sanford Meisner –
Film und Theater sind pure Vorstellung, und Vorstellungskraft ist das tägliche Leben und Handwerkszeug aller Künstler

Bis 1941 spielte Sanford Meisner nachts in Broadway-Stücken und unterrichtete tagsüber im New Yorker Neighbourhood Playhouse, wo auch Martha Graham und Harold Clurman arbeiteten. Dort entwickelte er seine Unterrichtstechnik, die auf seiner eigenen Erfahrung als Schauspieler basierte.

Meisner bezog sich vorwiegend auf die Vorstellungskraft des Schauspielers, um die auf der Bühne notwendigen Emotionen zu produzieren. Er wendete dazu das Prinzip der emotionalen Ersatzhandlung an. Ziel von Meisners Arbeit war, Schauspielern eine organische Annäherung an die Erschaffung von Realität und wahrheitsgetreuem Handeln in der Vorstellungsumgebung des Theaters mitzugeben. Einfacher ausgedrückt sollte der Schauspieler einen persönlichen Wunsch oder Traum durch einen dem Stück entsprechenden ersetzen, um sich für eine bestimmte Szene zum Beispiel in einen euphorischen Zustand zu versetzen – oder in einen tragischen bei einem Drama. Meisner schuf eine neue und logische Technik, in der der Schauspieler seine eigenen Erinnerungen ausschaltet und sich ausschließlich auf die Schaffung der Emotionen des von ihm dargestellten Charakters konzentriert.

Sanford Meisner folgte der Philosophie, dass Schauspiel echtes Leben unter gegebenen Umständen ist. Er erkannte, dass es nicht ausreichte, wenn zwei Schauspieler in guten Rollen, emotional wahrhaftig spielten. Für ihn ist es ist Interaktion zweier Schauspieler miteinander, die den Figuren Leben einhaucht.

Damit dies gelingt, muss der Schauspieler lernen im Moment zu bleiben, also direkt und spontan in der vorgegebenen Welt zu agieren, Präsent beim Spielen zu sein, nie einen wahrhaften und ehrlichen Impuls zu reagieren verpassen. Das kann nur dann funktionieren, wenn man mit seinem Partner spielt und sich zu 100 Prozent auf ihn konzentriert. Schafft man es seinem Partner zuzuhören und zuzusehen ist man im Emotionalen Jetzt“. Um im „Moment“ zu sein muss man seinen eigenen Impulsen folgen können, sich ohne inneren Zensor zu öffnen. Und alles, was in diesem Moment passiert auch zulassen.

Meisner baute darauf auf, dass es für angehende Schauspieler unglaublich schwierig ist, seinem Partner zuzuhören, da die meisten damit beschäftigt sind, ihre eigenen Gedanken zu verfolgen und auf ihr Stichwort zu achten. Sanford Meisner entwickelte das Repetition Game, das Schauspielanfängern helfen soll, nicht mehr nur über sich selbst nachzudenken, sondern ihre Spontaneität zu entdecken. Für Meisner ist Schauspiel reagieren – Acting Is Reacting.

Meisners Methode erlangte schnell Berühmtheit. In Hollywood bildete er die großen Stars der Studios aus: Joanne Woodward, Gregory Peck, Grace Kelly, Robert Duvall, Steve McQueen, Tony Randall, Peter Falk, Jon Voight, Diane Keaton, Jeff Goldblum und viele andere. Regisseure wie Elia Kazan, Sydney Pollack, Bob Fosse und David Mamet zogen es bald vor, Meisner geschulte Darsteller in ihren Produktionen zu haben. Sie alle waren der Überzeugung, dass diese fühlbarer, offener und wirklichkeitsgetreuer spielten als nach der Method ausgebildete Schauspieler.

Meisner arbeitete über 48 Jahre am Neighbourhood Playhouse, stets um die Verfeinerung seiner Methoden bemüht.
 

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