Drehbuch
Vom Finden von Geschichten

„Wenn du ein Drehbuch schreibst, dann fängst du nicht bei Null an. Du hast vier Millionen Ideen. Die musst du dann ordnen, das Beste heraussuchen. Ein Autor ist eine Art Dichter. Aber er muss auch Architekt sein. Er muss gut organisieren können. Er muss auch Buchhalter sein. Ganz verschiedene Dinge spielen mit, wenn man 130 Drehbuchseiten schreibt.“
Billy Wilder, „Billy, how did you do it“, TV-Interview mit Billy Wilder, geführt von Volker Schlöndorff und Hellmuth Karasek, Teil IV


„Erzählung ist: die kontrollierte Herausgabe von Informationen.“
Christopher Nolan, Regisseur

Quelle: www.following-film.de

Die besten Geschichten liegen auf der Strasse

Man muss sie nur aufschreiben und an Sender und Produktionsfirmen schicken. So denkt mancher filmbegeisterte Jungautor. Doch die Realität hauptberuflicher Drehbuchautoren sieht anders aus. Gerade Neulinge und Quereinsteiger haben es schwer.

Für Anfänger ist es extrem schwer, ins Geschäft einzusteigen, so ein Agent und Lektor einer Drehbuchagentur, die gegen Provision Filmstoffe an Produzenten und Sender vermittelt. Für Neulinge gilt der Einstieg über solche Agenturen als der leichtere Weg – doch selbst der ist schwer und keine Erfolgsgarantie. Etwa fünf Prozent der Drehbücher, die er im Jahr auf den Tisch bekomme, nehme er zur Betreuung an, schätzt der Lektor.

„Es gibt Autoren-Agenturen, die nach Talenten Ausschau halten, so zum Beispiel Above the Line. Aber es ist sinnlos, mit einer Agentur Kontakt aufnehmen zu wollen, wenn man noch nichts vorzuweisen hat.
Bei uns ticken die Uhren noch immer langsam. Man bekommt erst dann einen Job, wenn man einen Erfolg hatte. Manchmal führt der Weg nur darüber, dass man sich zusammentut mit einem Regie-Studenten, der verzweifelt gerne einen Film drehen würden, aber keinen Stoff hat. Und auch dann bleibt der Weg über die Agenturen, Fernseh-Sender oder Produktionsfirmen, noch sehr weit. Das Drehbuch liegt unter Umständen lange auf den Schreibtischen, bevor man eine Antwort bekommt. In der Zwischenzeit sollte man nicht warten, sondern versuchen, Erfahrungen zu sammeln. Dazu braucht man eine DV-Kamera und einen Kreis von jungen Filmemachern, die gegen alle Widerstände Filme drehen wollen.

Ich sage sicher nichts Neues, wenn ich feststelle, dass gute Drehbücher nicht lange unentdeckt bleiben. Ein gutes Buch findet irgendwann seinen Weg. Aber meistens haben junge Autoren nicht das, was man in der Branche ein „gutes Buch“ nennt. Ihre Drehbücher haben Schwächen und Vorzüge, sie sind sehr eigenwillig oder – das Gegenteil davon – auf eine naive Weise sehr Markt-konform. Man muss mehrere Drehbücher geschrieben und einige Jahre damit verbracht haben, um eine gewisse Professionalität zu erreichen. Zum Glück warten nicht alle Produzenten auf den Stoff, den ihnen der Fernsehsender sofort aus der Hand reißt. Einige sind bereit, etwas auszuprobieren. Diese Firmen entdeckt man, wenn man den Markt aufmerksam beobachtet und sich die Filme ansieht. Wenn es dann soweit ist, dass man schließlich einen Kontakt hat, dann wird viel Geduld benötigt. Beide Seiten müssen Geduld miteinander haben, die Autoren und die Produzenten. Erst wenn man sich etwas besser kennen gelernt hat und einander vertraut, beginnt die ernsthafte Stoffentwicklung. Alles andere bleibt nur an der Oberfläche, und davon haben wir bereits genug.“
Michael Guttmann, Autor, Regisseur, in: Scriptforum 29, Oktober 2005

Will man Drehbuchschreiben professionell betreiben, kann man sich nicht darauf zurückziehen, „nur Autor“ zu sein. Man muss von Anfang an begreifen, nach welcher Logik die anderen Akteure der Branche, vor allem die Produktionsfirmen und Sender, handeln: Die denken zunächst nicht nur an schöne Geschichten, sondern an Zielgruppen, Einschaltquoten – und ans Geld.

Wer sich jedoch aus dem Kopf schlägt mit einem 90 Minüter – möglichst mit internationaler Besetzung – einzusteigen und sein Glück als Autor kleinerer Formate wie Sitcoms, Daily Soaps und anderer Serien versucht, hat auch als Quer- und Neueinsteiger Chancen unterzukommen. Und vor allem Berufserfahrungen zu sammeln.

Anders als bei TV-Movies oder Kinofilmen wird für diese Formate im Team gearbeitet. Hier läuft die tägliche Schreibarbeit anders ab. Ein Team von mehreren Storylinern sitzt tagtäglich zusammen, entwickelt und schreibt die einzelnen Geschichten, Storylines. Diese werden dann miteinander verzahnt. Das bedeutet Schreiben am Fliessband. Die Fluktuation unter den Storylinern ist groß. Tag für Tag müssen neue Ideen eingebracht werden, das zehrt an der Kreativität. Manche sind nach einem Jahr „ausgeschrieben“ und brauchen eine Pause.

Seit November 2005 gibt es eine Ausbildungsmöglichkeit für Serien-Autoren: die Grundy Ufa Serienschule. Mehr dazu demnächst unter unserer  Rubrik „Fernsehen“.

29 Szenen – du Depp 

„Man kann überall eine Idee haben, im Park, im Flugzeug – aber dann schlägt mein kleiner Redakteur im Hinterkopf zu und sagt: ‚29 Szenen, du Depp‘.“
John Carpenter, Regisseur


Drehbuchautor ist ein faszinierender Job: Geschichten schreiben, neue Welten kreieren, Personen erschaffen. Doch alles beginnt zunächst einmal mit einer mehr oder weniger vagen Idee, einem leeren Bildschirm, einem weißen Blatt Papier. Damit daraus ein Drehbuch wird, braucht es harte Arbeit, Disziplin, Frustrationstoleranz und viel Aufwand. Selten wird ein Drehbuch vor der dritten Fassung akzeptiert, meist sind es mehr Versionen.

Ein Drehbuchautor: „Drehbuchschreiben ist eine einsame Angelegenheit, und es wird immer wieder Rückschläge geben. Es kommt auch vor, dass man noch einmal von vorne beginnen muss. Dazu gehören Selbstkritik und ein gesundes Misstrauen den eigenen Ideen gegenüber.“

Sieht sich ein Drehbuchautor ausschliesslich als Künstler, der am Ende ein unantastbares Werk hervorbringt, dann wird er schwer leiden. Autoren müssen damit leben, dass die Produktionsfirmen und Sender bei der Entwicklung mitreden.„Und jeder, den man trifft, hat was zu meckern.“ Also wird umgeschrieben. Wieder und wieder.

Der Drehbuchautor ist als originärer Geschichtenerzähler ist im Produktionsprozess dem Regisseur und dem Cutter gleichrangig, zwei anderen wichtigen Urhebern des Films. Vereinfacht könnte man sagen, dass jeder Film dreimal aus der Taufe gehoben wird: zuerst im Drehbuch durch den Autor, dann bei der Inszenierung durch den Regisseur und schließlich beim Filmschnitt durch den Cutter.

 
 

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