Dokumentarfilm
Objektivität und Subjektivität

„Ist ein Maler, der die Berge rot oder blau malt, obwohl sie in Wirklichkeit vielleicht braun oder grün sind, ein Lügner ein Manipulateur, dem das Handwerk gelegt werden soll? Nein, er ist ein Künstler. Genau das sind wir Dokumentarfilmer auch und ich bekenne mich dazu und ich gelobe es in Zukunft noch stärker zu sein und ich gelobe mich von der Wirklichkeit nicht mehr einschränken zu lassen. Ich stehe zu meiner Manipulationstätigkeit, denn sie ist mein Handwerk mit dem ich meinen Auftrag als Künstler erfülle. [...] Wir müssen nur gute, phantasiebegabte Künstler sein und das ist man, wenn man sich von keinerlei Mitteln, Stilen und Dogmen einschränken lässt. Dem wahrhaftigen Künstler (Filmemacher) geht es nicht um Widerspiegelung der Wahrheit an sich, sondern darum seine Vision zu verwirklichen und dafür ist alles erlaubt. Auch der Dokumentarfilm muss ein Kunstwerk sein, genau so wie der Fiktion-Film. Wenn ich ein Medium bediene, dann kann das dort entstandene Produkt a priori die Wirklichkeit nicht sein. Ein Medium ist ein Medium.“
Clemens Kuby, Dokumentarfilmer in: Der Dokumentarfilm als Autorenfilm, Stuttgart 1999


Der Begriff Dokumentarfilm taucht der Filmgeschichte erstmals 1926 in einer Besprechung des Engländers John Grierson zu Robert Flahertys Film MOANA auf und sollte eine besondere Qualität des Authentischen unterstreichen: „Moana, being a visual account of events in the daily life of a Polynesien youth and his family, has documentary value.“ Dokumentarfilm bezeichnet heute eine breite Spanne verschiedener Formen filmischer Darstellung und Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit.

„Für mich als Cineast und Ethnograph gibt es praktisch keinen Unterschied zwischen Dokumentarfilm und fiktionalem Film. Das Kino überschreitet schon die Grenzen zwischen realer und imaginärer Welt und die Ethnographie, als Wissenschaft der Denksysteme, ist ein permanentes Hin- und Herschreiten zwischen beiden Welten.“
Jean Rouch, Dokumentarfilmer


„Ein Dokumentarfilm könnte sein der sichtbar und hörbar gemachte Dialog eines Autors mit der Wirklichkeit, mit anderen Menschen, mit Orten, mit Erinnerungen. Sichtbar, selbst wenn man ihn – den Autor - nicht sieht, hörbar, selbst wenn man ihn nicht hört. Dokumentarfilm ist nicht die Realität 1 : 1, aber Dokumentarfilm ist auch nicht die reine Fiktion, die reine Manipulation. Es ist etwas dazwischen und deshalb entzieht er sich immer wieder der Definition.“
Christoph Hübner, Dokumentarfilmer, in: Der Dokumentarfilm als Autorenfilm, Stuttgart 1999

„Der Begriff Dokumentarfilm bezeichnet für mich in erster Linie eine Gattung. Mit seiner grundsätzlichen Definition ‚Nonfiktion’ bildet er den Gegenpol zum Spielfilm mit der grundsätzlichen Definition ‚Fiktion’ Gleichzeitig ist der klassische Dokumentarfilm (damit gemeint sind Filme mit ausgewiesener, persönlicher Handschrift des Autors) selbst zu einer Subform der Dokumentarfilmgattung geworden.“
Thomas Schadt, Dokumentarfilmer, in: Das Gefühl des Augenblicks, Bergisch Gladbach 2002


Begriffe wie Wahrheit, Wirklichkeit, Realität, Authentizität und Glaubwürdigkeit stehen in direkter Verbindung mit der Definition des Dokumentarfilms.

Mit diesen Begriffen wird gerne die Vorstellung verbunden, dass Dokumentaristen die Wirklichkeit wiedergeben würden, ohne dabei ihre eigenen Ansichten, ihre Haltung einfließen zu lassen. Es ist überraschend, dass dieser Mythos der neutralen Objektivität des Dokumentarfilms bis heute überlebt hat.

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MISÈRE AU BORINAGE — BORINAGE,
Kamera, Regie, Buch, Schnitt: Joris Ivens und Henri Storck, 1933

Der Dokumentarfilmer Joris Ivens schrieb in den 30er Jahren zum Thema Objektivität: „Ich war überrascht, dass so viele Leute automatisch annahmen, dass jeder Dokumentarfilm automatisch ‚objektiv’ sein würde. Vielleicht ist die Bezeichnung unbefriedigend, aber für mich ist der Unterschied zwischen den Worten ‚Dokument’ und ‚dokumentarisch’ ganz klar. Verlangen wir von der Zeugenaussage, die einem Gericht vorgetragen wird Objektivität? Nein, unser einziges Verlangen ist, dass jedes Stück der Aussage eine so vollkommen subjektive, wahrheitsgemäße, ehrliche Darlegung der Haltung des Zeugen sei, wie ein Eid auf die Bibel sie überhaupt nur hervorbringen kann.“

Der Dokumentarfilm kann nur das zeigen, was der Autor und der Kameramann, in der Wirklichkeit erkennen, wie sie diese interpretieren und wiedergeben. Natürlich hat jeder Filmemacher seine Ansichten und Absichten. Er filmt einerseits sachlich die Wirklichkeit ab, vermittelt aber auch seine eigene subjektive Haltung. Der Dokumentarfilm kann keine objektive Wirklichkeit abbilden, denn diese gibt es nicht.

Noch einmal Thomas Schadt: „Authentizität definiert sich zunächst in einer erkennbaren und nachvollziehbaren Haltung des Regisseurs: in seiner wie auch immer filmisch gestalteten Subjektivität. Sie muss erkennbar sein. Authentizität zeigt sich aber auch im Umgang mit Realität. Ein Regisseur muss den Motiven, den Menschen vor der Kamera, Raum für eine eigene, individuelle Subjektivität belassen. Da gibt es nicht nur das eine oder das andere.“

Darin sieht er den doppelten subjektiven Faktor, die Subjektivität des Autors und die der filmischen Umgebung. Diese doppelte Subjektivität ist die persönliche Handschrift des Autors. Es ist Aufgabe des Filmemachers das richtige Verhältnis beider zu finden und dieses mit dem Medium sicht- und hörbar machen. Dabei darf er die Wirklichkeit nicht nur zeigen, sondern muss sie aus verschiedenen Blickwinkeln heraus erzählen. Als organisierende Kraft greift der Dokumentarfilmer damit direkt in die Realität ein und übernimmt die Rolle eines Erzählers.

„WAS IST EIN DOKUMENTARFILM:
Einige aus meiner Sicht unerlässliche Kriterien nochmals zusammen gefasst:
A. ZEIT
Zeit ist für das prozesshafte Entstehen eines Dokumentarfilms so unerlässlich wichtig, aber eben nicht kalkulierbar, nicht berechenbar, teuer und deshalb von Geldgebern und Geldverwaltern ungeliebt und seltenst als Produktionsfaktor akzeptiert. Zur Zeit ist ZEIT total out, leider, denn das läuft dem Grundbedürfnis des Genres äußerst kontraproduktiv zuwider.
B. DER DOPPELTE SUBJEKTIVE FAKTOR
Die Balance zwischen der Subjektivität des Regisseurs und der Subjektivität seiner filmischen Umgebung. Andere würden das wahrscheinlich als Haltung bezeichnen.
C. EMOTION UND REFLEKTION
Der Trend geht zur totalen Emotionalisierung, eigentlich wird nur noch DANACH gefragt. In jeder Doku muss es wahnsinnig emotional zugehen. Am besten ein einziges Feuerwerk von Gefühlen, Gefühlsausbrüchen.
Nähe suggerieren, wenn nötig mit nachgestellter Dramatik, egal Hauptsache nah dran, oft genug eine einzige Gefühlsduselei. Doch für mich steht fest: wer als Zuschauer nur emotionalisiert wird, hat am Ende nichts davon, weil er nichts hat, woran er seine Emotion reiben kann.
Dokumentarfilme brauchen Räume für Reflektion, Pausen, Leerzeichen. Der Zuschauer muss hin und wieder zurück in die Totale treten können, um darin zu atmen und zu erfassen, was hinter der Emotion eigentlich gemeint ist. Worum es wirklich geht. Im Film und für ihn. Erst dadurch entsteht Tiefe, bloße Emotion erzeugt das nicht.
D. DIE KUNST DER BEOBACHTUNG,
die ohne Zeitdruck, mit Geduld und dem gebührenden Respekt vor der non-fiktionalen Realität in der Lage ist, mit Kamera und Ton einzufangen, was ich die unverstellte Poesie des Authentischen nennen möchte.
Der größte Unterschied zwischen DOKU und FILM ist vielleicht, dass die Formate ihre Inhalte immer stärker ästhetischen Serien-Konzepten unterwerfen, während der (Dokumentar-)Film seine jeweilige Ästhetik, seine Form immer vom Inhalt her ableitet. Deshalb definiert sich das Verhältnis von Inhalt und Form jedes Mal aufs Neue. Jeder Film ist so sein eigener Mikrokosmos. Das ist zumindest mein Verständnis. Doku-Formate, Doku-Serien und Dokumentarfilm stehen sich als unterschiedliche Möglichkeiten des dokumentarischen Fernsehens gegenüber.
Dabei gibt es, um es positiv zu formulieren, Schnittmengen, Verwandtschaften, interessante Begegnungen, Berührungspunkte und so manche geistreiche Erfindung. Das DOKU-DRAMA zum Beispiel oder die DOKU-SOAP (in Ausnahmen).
Doch was ist die Poesie des Dokumentarischen? Der provozierte Zufall, der Schmetterling, der irgendwann daherfliegt, wo man ihn nicht vermutet und man ihn nur einfangen kann, weil man lange genug geduldig mit Kamera und Ton gewartet hat.“
Thomas Schadt, „INDIVIDUALITÄT IM SERIENFLOW – FORMATE IN DER DOKUMENTARISCHEN AUSBILDUNG“ ODER: „DEM ZUFALL EINE ODER KEINE CHANCE“
Quelle:
www.dokumentarfilminitiative.de
 

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