Filmton
Kleine Geschichte des Filmtons Den Satz, mit dem 1927 offiziell die Tonfilmära begann, sprach der Entertainer Al Jolson. In dem Film THE JAZZ SINGER muss er viele Hindernisse überwinden, um endlich ein Sänger sein zu dürfen. Und dann steht er auf der Bühne, kurz davor, seinen Hit „Toot, Toot, Tootsie, Goodbye“ zu singen, doch der laute Applaus lässt ihn einige Zeit gar nicht erst ansetzen. Bis Jolson dann sagt: „You ain’t heard nothing yet!” You ain’t heard nothing yet! 1. 11. 1895 Im Berliner Wintergarten werden dem staunenden Publikum die lebenden Fotografien von Max Skladanowsky vorgeführt. Begleitet wurde die Vorführung von einem Varieté-Orchester. Auch die Vorführung der Filme „Ankunft des Zuges“, „Babys Frühstück“ und „Der begossene Rasenmäher“ der Gebrüder Lumière Ende des gleichen Jahres sollen nicht stumm gewesen sein. Sie wurden von einem Pianisten musikalisch in Szene gesetzt. Um 1910 ging man dazu über den Film mit einem Piano zu begleiten, um die Dramaturgie eines Films besser untermalen zu können. Die Auswahl der Musik oblag jedoch weder dem Regisseur noch dem Produzenten. Der ausübende Musiker wählte sie selbst aus, nach dem Prinzip der Illustration. Ab 1889 gab es Versuche den Filmton mittels Grammophon dem Zuschauer nahe zubringen (sogenannte sound on disc systeme). Dass die Synchronität ein Problem war, kann man sich vorstellen. 1923 entwickelten Henry Stroller und Harry Pfannenstiel eine Möglichkeit zum Synchronisieren von Schallplatte und Film mit zwei gekoppelten Elektromotoren. Die Tonaufnahme wurde auf einer Platte mit einem Durchmesser von 16“, der sogenannten Plater gemacht. Der erste große Film mit einem sound on disc System war 1926 Don Juan von Warner Brothers in Vitaphone. Dabei wurde einfach die Handlung erzählt und einige Soundeffekte eingebaut. Diese Technik ermöglichte die Aufnahme und synchrone Wiedergabe von Sprache und Geräuschen, die am Set live von Geräuschemachern eingespielt wurden. In dieser Zeit entwickelte sich die Kunst des Geräuschemachens (Foley). Auf der musikalischen Ebene begann man sich vom Soundpotpourri hin zu Originalscores für den jeweiligen Film zu bewegen. Bald wurden nur noch dramatisch oder emotional bedeutende Sequenzen der Filme mit Musik unterlegt. Ein Jahr später, am 6. 10. 1927, schlägt die offizielle Geburtsstunde des Tonfilms mit dem Warner-Brothers-Film THE JAZZ SINGER. Auch hier kommt es zu Problemen mit der Synchronität von Bild und Ton, da die Schnittstelle zwischen beiden Medien sehr anfällig ist. Die Zukunft wird den Systemen gehören, die Bild und Ton auf einem Medium vereinen. Mitte der 20er Jahre wurden gleichzeitig mehrere Lichttonverfahren entwickelt. Bei Lichtton wird die Tonspur mittels einer Glühlampe (seit einigen Jahren werden jetzt auch Laser / LEDs eingesetzt) auf einer Photozelle abgetastet und das gemessene Signal an den Verstärker geleitet. Als Erfinder des Lichttonverfahrens gilt der deutsche Ingenieur Hans Vogt. 1928 läuft Walter Ruttmanns Tonfilm TÖNENDE WELLEN an, der erste mit Lichttonverfahren produzierte deutsche Tonfilm.1935 sind in Deutschland alle Lichttontheater auf Tonfilm umgestellt. Damit geht die Ära der Kinoorchester ihrem Ende zu. Eine Zeitlang spielen sie noch vor und nach dem Film, aber ihr Ende ist abzusehen. Mit der Ablösung des Stummfilms durch den Tonfilm verändert sich auch die Bildgestaltung. Wurde beim Stummfilm noch die Spielhandlung mittels Gebärden, Mimik und Texttafeln erzählt, so kam man mit der Einführung des Tons der Wirklichkeit ein gutes Stück näher: Darsteller können nun natürlicher agieren, Musik und Geräusche erzeugen einfacher die gewünschte Atmosphäre. Mit dem Tonfilm eröffnen sich nicht nur viele Möglichkeiten für den Film, sondern es wird auch ein neuer Wirtschaftszweig geboren. Der Tonfilm hatte eine Nationalisierung der Filmindustrie zur Folge. Seine Sprachbindung erwies sich gleichzeitig als Eingrenzung des potentiellen Publikums. Das traf zunächst die Schauspieler: So musste z. B. der deutsche Schauspieler Emil Jannings Hollywood verlassen, da er seinen schweren Akzent im Englischen nicht loswurde. 1931 wurde das Vitaphone-Verfahren durch das einfachere Movietone-System ersetzt. Dieses war von dem amerikanischen Erfinder Lee De La Forest entwickelt worden. Hierbei wurde der Ton direkt auf den Filmstreifen (auf einer eigenen Spur neben dem Bild) aufgezeichnet. Das Movietone-System wurde zum Standardverfahren und verbreitete den Tonfilm fast über Nacht auf der ganzen Welt. 1935 fand die erste öffentliche Vorstellung der Magnettontechnik mit Aufzeichnung auf Magnet-Tonband in Europa anlässlich der Berliner Funkausstellung statt. Das Magnettonverfahren Dabei werden die Schallwellen zunächst mit Hilfe eines elektroakustischen Wandlers in elektrische Spannungen und damit in elektrischen Strom umgewandelt. Die entstehenden elektrischen Spannungen sind tonfrequent, d. h. sie liefern praktisch ein elektrisches Abbild des Schallereignisses. In den meisten Fällen verstärkt man den so erzeugten Strom und leitet ihn anschließend an ein Aufnahmesystem mit elektromagnetischem Aufnahmekopf weiter. Hier wird ein metallbeschichtetes und magnetisierbares Kunststoffband am Aufnahmekopf mit konstanter Geschwindigkeit vorbeigeführt. Dabei überträgt der Aufnahmekopf das elektrische Abbild des Schallereignisses auf das Aufnahmemedium. Rein physikalisch betrachtet induziert der erzeugte und verstärkte Strom eine Magnetisierung des Aufnahmemediums. Die Stärke der Magnetisierung wechselt mit der Frequenz und der Intensität des Tones. Später lässt sich die Aufnahme als Kopie des Originals wieder abspielen. Dazu setzt ein ebenfalls elektromagnetisch arbeitender Wiedergabekopf die Magnetfelder auf dem Band in elektrische Impulse um, die dann verstärkt und in hörbare Schallwellen zurückverwandelt werden. Zu den Vorteilen des Magnettonverfahrens gegenüber dem Lichttontonverfahren gehören die bessere Klangqualität und Klangästhetik und der deutlich größere Signal-Rausch-Abstand. Das Schneiden und Zusammenfügen des Bandes ist einfacher. Nachteile sind die hohe Empfindlichkeit und die kurze Haltbarkeit. Die Tonspur ist beim Lichtton als haltbarer und kann auch nicht zufällig gelöscht werden. Der gravierendste Nachteil liegt aber in den hohen Kosten. Mehr zu Filmtonformaten: www.pinguin-inside.de Das Lichttonverfahren Lichtton ist eine fotografische Aufzeichnung von Schallwellen. Bei diesem Verfahren wird die Toninformation als unterschiedliche Transparenz auf eine Randspur des Bildfilms belichtet und bei der Projektion von einer Lichtquelle abgetastet. Durch die geringe Audiofrequenzbandbreite und die Anfälligkeit gegenüber Verschmutzungen des Filmmaterials weist das Lichttonverfahren allerdings nur geringe Qualität auf. Der Lichtton wird kostengünstig in einem Kopierprozess zusammen mit dem Bild kopiert. Bei der Wiedergabe leuchtet eine kleine Lampe auf den Tonstreifen, der je nach Lautstärke und Frequenz des Tonsignals mehr oder weniger stark lichtdurchlässig ist. Somit fällt ein Licht permanent wechselnder Stärke auf eine Fotozelle, die auf der anderen Seite der Filmrolle befestigt ist. Diese Fotozelle wandelt das Licht in eine Wechselspannung, die verstärkt wird und anschließend den Lautsprechern im Kinosaal zugeführt werden kann. Weitere Entwicklung Beide Verfahren haben Vor- und Nachteile. Heute ist eine Kombination aus beiden gebräuchlich. Hierbei wird die Tonaufnahme mit einem Magnetband aufgezeichnet und davon wird ein Lichttonnegativ angefertigt, das wiederum auf die Positivkopie der Vorführung kopiert wird. Allerdings wird das Lichttonverfahren heute nur noch Dolby Stereo SR oder einfach Dolby SR genannt, da seit 1987 das Dolby Spectral Recording (Dolby SR) Rauschunterdrückungssystem verwendet wird. Das vorherige Rauschunterdrückungssystem Dolby A hatte bereits 1976 die Lichttonqualität so beachtlich verbessert, dass es seitdem möglich war, zwei Lichttonspuren auf demselben Raum unterzubringen, den früher eine einzige beanspruchte. Zusätzlich konnte man in diesen beiden Spuren die Information für einen Surroundkanal und einen Centerkanal unterzubringen. Ende der 60er Jahre mit der Entwicklung des anamorphotischen Cinemascopebildformates (1 : 2.35 – also sehr breites Bild) wurden erste Versuche mit Mehrkanaltonverfahren gemacht. Auf einer 35mm Filmkopie wurden vier Magnettonspuren nachträglich auf die Kopie gespritzt und der Ton in vier Kanälen (Links, Mitte, Rechts und Effektkanal) auf die Filmkopie aufgezeichnet. SPARTACUS von Stanley Kubrik und BEN HUR mit Charlton Heston waren die ersten deutschen Filme die in ausgesuchten Theatern in diesem Verfahren aufgeführt wurden. Natürlich hatte dieses Tonsystem auch erhebliche Nachteile. Als erstes waren diese Kopien sehr teuer. Eine Magnettonkopie kostet erheblich mehr als eine Lichttonkopie. Eine 70mm 6 Kanal Magnettonkopie kostete etwa das 10 fache einer 35mm Lichttonkopie. Zum anderen haben sie nur eine kurz Lebensdauer und die dadurch erforderliche Wartung der Abspielgeräte kostete viel Geld. Mitte der 60er Jahre wurde die Pilottontechnik erfunden, der Synchronität von Bild und Ton bei der Tonaufnahme verbesserte. Der Pilotton kam von einer Kamera, er war an der Drehzahl und den möglichen Schwankungen in der Kamera ausgerichtet und wurde von einer parallel laufenden Tonbandmaschine auf dem Tonband in der Trennspur aufgezeichnet. Im Tonstudio konnten dann Asynchronotäten teilweise wieder ausgeglichen werden, ohne dass es einer mechanischen Perfosynchronisierung bedurfte. In dieser Zeit begann der Siegeszug der legendären Nagra, einem kleinen, sehr robusten Tonbandgerät, dass neben der Pilottonoption auch einige andere tontechnische Belange optimierte. Die Pilottonoption hat sich mit der Einführung gequarzter Motoren für moderne Kamera und Tonbandmaschinen und seit der Einführung des Timecodes erübrigt. Ähnlich verhält es sich auch mit der Studiotechnik. Hier haben sich digitale Aufnahmegeräte und digitale Workstations (DAW) durchgesetzt. Sowohl am Set wie auch im Tonstudio sind seit den 80er Jahren DAT-Recorder Standard. Analoge Technik wird auf ein Mindestmass beschränkt. 1981 schlägt die Geburtsstunde der Compact Disc – das digitale Audiozeitalter für den Konsumerbereich beginnt. Es dauert aber bis in die 90er Jahre bis die Digitaltechnik Einzug in die Filmtontechnik hält. 1992 entwickeln die Dolby Ingenieure ein Dolby-Digital, indem sie einen 35mm-Film zwischen den Perforationslöchern mit digitalen Sechskanalinformationen belichten. Da gerade die späten siebziger und frühen achtziger Jahre durch einen Innovationsschub in der Tontechnik weiter gebracht wurden, ermöglichten insbesondere die Erfindungen in der Rauschunterdrückung und der Codierung mehrerer Spuren in einer Stereospur – vorrangig durch die Firma Dolby in den USA, dass sich die kreativen Möglichkeiten für Tonleute im Film erweiterten und zu einer neuen Aufmerksamkeit in der Gestaltung der Tonspur von Filmen führte. Gleichzeitig bemerkt man auch eine Zunahme der in der Postproduktion an der Tongestaltung beteiligten Personen. Um diese nun in ihrer Funktion wieder voneinander getrennt zu bekommen und möglichst den genauen Job zu bezeichnen, den sie in der Sound-Postproduktion ausübten, kommt es zur inflationären Entwicklung von Bezeichnungen wie Sound-Design, ADR -Recording, ADR-Editing, Foley-Recording, Foley-Editing, Field-Recording, Re-Recording, Dubbing, Sound-Editing, Sound-Supervising usw. Analoge Tontechnik im Postproduktionsbereich ist zu einem Relikt generiert. Seit der revolutionären Umstellung des Tonschnitts in den neunziger Jahren auf Digitale Audio Workstations (DAW) sind auch im Ton-Kreationsprozess Instrumente vorhanden, die ein schnelles und effizientes Umgehen mit Unmengen von Tonfragmenten auf einem System möglich machen. Mehr zu Filmtonformaten: www.pinguin-inside.de |
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