Drehbuch
Drehbücher überarbeiten, lesen und beurteilen

„Man muss lernen, Analyse und Kreativität zu trennen. Das geht manchmal nicht am selben Tag oder zur selben Stunde, dass man einerseits über eine Geschichte, die man geschrieben hat, analytisch nachdenkt und versucht, sie zu verbessern, also Drehbuch-Handwerk betreibt, und andererseits gleichzeitig gute Einfälle hat und kreativ ist. Gute Einfälle und neue Ideen sind sehr scheu. Sie laufen weg, wenn man immer nur mit der Analyse-Keule auf den Tisch haut.
Drehbuchanalyse hängt mit logischem Denken zusammen, Kreativität hängt mit assoziativem Denken zusammen, mit Emotionen, mit Erinnerungen, irgendwelche Erinnerungen von anderen Leuten oder von einem selbst. Warum ein Drehbuch-Autor oder ein Roman-Autor um Himmels willen auf die Idee kommt, dass eine Figur eine Menschenleber isst, oder warum jemand auf die Idee kommt, dass jemand die Liebe seines Lebens sucht, das ist schwer zu sagen. Das sind Dinge im Unterbewussten, oder im Hinterkopf, das sind einfach Erzählwünsche. Man muss das respektieren, man muss sagen, das ist eben so bei diesem Autor oder bei dieser Autorin. Das kann man, glaube ich, nicht in Frage stellen, denn das ist die kreative Seite.
Die andere Seite ist das gemeinsame Besprechen, wie man eine Geschichte möglichst geschickt verbessert. Dieses Diskutieren und Nachdenken sollte nicht Geschmacksurteile fällen, sondern es sollte darauf abzielen, den Erzählwunsch des Autors zu stärken und ihn besser zu veräußerlichen. In den meisten Exposés und Treatments, die ich lese, sind die Gedanken der Autoren noch nicht wirklich nach vorne geschoben. Sie sind wie Schätze, die man noch heben muss. Deswegen bemühe ich mich auch solange wie möglich, die Dinge, die in einem Exposé stehen, von verschiedenen Seiten zu betrachten, vielleicht umzustellen, vielleicht anders zu benutzen, manchmal nur unter andere Vorzeichen zu stellen, um den Autoren damit zu zeigen, wie man die Wirkung eines Einfalls erhöht.“
Michael Guttmann, Autor und Regisseur, in: Scriptforum, Heft 29, Oktober 2005
 

Selbstkritik und Überarbeitung

Wenn man sein eigenes Material kritisch betrachtet, helfen oft folgende Fragen weiter:

  • Welches Gefühl habe ich beim Lesen des Materials?
  • Ist es komplett, ist es vollständig?
  • Gibt es Überraschungen? Damit ist nicht gemeint, unmotivierte Überraschungen einzufügen
  • Gibt es Dinge, die gesagt werden, aber besser gezeigt würden?
  • Wenn ich eine bestimmte Szene weglasse, funktioniert die Geschichte dann immer noch?
  • Wie gefällt mir der Anfang? Ist die Exposition vollständig, ist sie visuell?
  • Ist die Motivation des Protagonisten klar?
  • Kennen wir sein Ziel?
  • Enthalten die Informationen genug Emotionalität?
  • Streich alle schlauen Sprüche, wenn sie nicht unbedingt mit der Geschichte in Verbindung stehen.

Unter Umständen muss bei der Überarbeitung viel geändert werden. Ist eine Geschichte gut konzipiert, bleibt es nicht ohne Konsequenzen, wenn man eine Szene verändert, sie wegnimmt. Fachleute sprechen auch vom ripple effect. Das meint: Wird ein bestimmter Teil einer Geschichte verändert, dann muss alles, was zu diesem veränderten Teil führt, gleichfalls geändert werden und auch alles, was nach und aus dieser Veränderung folgt. Klar, dass das unter Umständen eine umfassende Überarbeitung nach sich ziehen kann.

Beim Schreiben verliebt man sich häufig in eine ganz bestimmte Szene. Findet, dass man eine Sache besonders gut gelöst hat. Von solchen Szenen trennt man sich besonders schwer. Trotzdem ist es manchmal notwendig, weil sie nicht im Zusammenhang mit dem Rest der Geschichte stehen oder nicht zur Fortentwicklung der Geschichte beitragen, keine Progression beinhalten– oder wie Chandler bemerkte: „Eliminate the unnecessary to let the necessary speak !“


 
 
<< Anfang < Vorherige 1 2 3 4 5 6 7 8 9 Nächste > Ende >>

Ergebnisse 1 - 1 von 9

Suchen